Fünf Tage Silvester in Budapest

Liebe Leute,

der folgende Text ist eine Mischung aus persönlichem Reise-Tagebuch unserer Woche in Budapest und vorschlagsmäßigem Reiseführer für nachfolgende Generationen. Natürlich kann man auch eine Menge ganz anderer Sachen in Budapest machen – aber im Kern werden doch die wichtigsten Punkte die gleichen bleiben.

Budapest gilt bei Insidern als die „wahre“ Donaumetropole und das hat gute Gründe. Die Stadt ist bildhübsch, schlängelt sich auf beiden Seiten wunderschön um die Donau und integriert den Fluss durch ihre Zweigeteiltheit deutlich spürbar in die Besichtigung des Zentrums. Eine Reise hierhin kann ich im Nachhinein jedem empfehlen, obwohl ich selbst ein wenig Überredung gebraucht habe: Eine schönere Stadt wird man meiner Meinung nach weder in Paris noch in Rom finden.

Day 0: Anreise, Silvester und Preisschock

dscf0176Bei der Anreise vom Flughafen fährt man mit dem Taxi eine gute halbe Stunde bis ins Zentrum der Stadt. Taxifahren gehört zu den teureren Unterhaltungsmöglichkeiten in Budapest. 18€ bzw. 5000 Forint kostet diese Fahrt bei seriösen Taxiunternehmen – und man sollte das Taxi vorzugsweise vom Ho(s)tel bestellen lassen, da die üblicherweise wissen, welche Unternehmen seriös sind und den Preis vorab verhandeln können. Wer ein Taxi heranwinkt, riskiert nach allgemeinem Reiseführer-Konsens, massiv über den Tisch gezogen zu werden.

Silvester in Budapest ist so eine Sache. Die Ungarn sind zwar ein feucht-fröhliches Völkchen, wenn es auf Silvester zugeht, und die Anzahl der betrunken Herumwandelnden nimmt mit der Uhrzeit rapide zu. Dafür gibt es in Budapest kein öffentliches Feuerwerk. Das bisschen Feuerwerk, das stattfindet und das man vermutlich am besten vom Burgberg oder von einer der Brücken aus beobachtet, ist komplett privat und entsprechend eher moderat dimensioniert. Dafür lohnt sich die Stadt jedenfalls nicht.

Wofür sie sich auch nicht lohnt, ist Billigshopping. Wer glaubt, dass man, wenn man nach Osteuropa fährt, da notwendigerweise billig einkaufen gehen kann, der wird sich in Budapest wundern, dass diese Stadt nicht „billig“ ist. Sie ist freilich billiger als manche deutsche Metropole – aber das betrifft vor allem Lebenshaltungskosten, Nahrungsmittel und Unterhaltung. Kuchen im edlen Kaffeehaus essen ist hier aber vergleichsweise wirklich günstig (und vor allem stilecht) – und also mindestens einmal täglich sehr zu empfehlen.

Day 1: Burgberg, Heldenplatz, Museum of Fine Arts, Westufer

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Der Burgberg ist die primäre Touristenmeile Budapests. Nirgendwo anders rennen so viele Leute mit Fotoapparaten, Landkarten und lila Hüten herum wie auf diesem kleinen Hügel neben der Donau. Das liegt daran, dass er ziemlich schön ist und einen Haufen schöne Aussichtspunkte besitzt. Der Burgberg besteht im Prinzip nur aus einer Reihe von teilweise authentischen, teilweise historistischen Touri-Attraktionen: Vor allem die Fischerbastei, der wahrscheinlich schönste Aussichtspunkt der Stadt, lohnt sich auf jeden Fall (obwohl sie nur historisch aussieht, aber kaum 100 Jahre alt ist); den Rest des Burgbergs (Palast, Baustellen, Kirche, diverse Nebenstraßen mit Wohnhäusern) muss man nicht unbedingt gesehen haben. Allerdings lohnt sich ein Spaziergang um die Mauern und die Serpentinen herunter ans Donauufer allemal – schöner kann man Budapest eigentlich nicht erleben. Bei gutem Wetter ist es vermutlich noch ein Stück schöner als auf meinen Bildern.

img_1699Der Heldenplatz liegt ganz am anderen Ende der Stadt, ist mit der Ringbahn und Metro aber trotzdem fix erreicht. Der ist zwar mit einem hohen Obelisken und ein paar schicken Statuen recht repräsentativ, aber so spannend, dass da ständig eine Horde Touristen stehen müsste, ist er nicht. Dafür liegen in direkter Umgebung eine Menge andere spannende Dinge, vor allem das Szechenyi-Bad und das Museum of Fine Arts, die beide auf jeden Fall einen Besuch lohnen. Mit dem heilsamen Thermalwasser des Szechenyi wird übrigens auch ein im angrenzenden Park liegender, dampfender Teich gefüttert, wo die Enten selbst im tiefsten Winter bei eisigsten Minustemperaturen gemütlich im badewannenwarmen Wasser dösen.

Ein wirklich lohnendes Museum für Kunstinteressierte ist das Museum of Fine Arts, das direkt links an den Heldenplatz grenzt (nicht zu verwechseln mit der Kunstgallerie auf der rechten Seite, die einen weniger positiven Ruf genießt und die wir nicht angeschaut haben). Obwohl ich dort eher hineingeraten als zielstrebig hineingegangen bin, war ich von Auswahl, Darbietung und Eindrücken der Galerie ziemlich begeistert. Das Museum hat eine gewaltige Menge an fantastischen Malern (überwiegend französischer, holländischer, italienischer, spanischer Provenienz) zu bieten, verbunden mit einem wilden und manchmal chronologisch nicht ganz konsistenten Ritt durch die Kunst- und Weltgeschichte. Wer Zeit und eine grundlegende Empfänglichkeit für Kunst mitbringt, wird sich hier schnell wohlfühlen. Wie in allen Museen, die wir in Budapest besucht haben – mit der einzigen Ausnahme des Holocaust-Museums – wird man auf Schritt und Tritt von der zwar diskreten, aber doch omnipräsenten Security bewacht. Dass kein Foto dabei ist, liegt nicht daran, dass das Museum hässlich wäre, sondern daran, dass ich aus unerfindlichen Gründen keines gemacht habe.

img_1823Wenn es Nacht wird und man nicht gerade alleine unterwegs ist, lohnt sich zweifellos ein Spaziergang am Westufer der Donau. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Burgberg (dank der ganzen Touristen, die sich hier auch in die Nacht hinein noch tummeln) und Westufer (von unterhalb des Burgberges bis zur Margareteninselbrücke) am späten Abend (wir waren gegen 20-22 Uhr unterwegs) kein Problem sind, während es am Ostufer spürbar gruseliger sein und man bedrohlicheren Gestalten begegnen kann; das mag aber dem ungewöhnlichen Datum unseres Spaziergangs an der Westseite (01.01.) oder der früheren Zeit (am Ostufer waren wir eher gegen 23 Uhr) oder dem Zufall geschuldet sein.

img_2166Auf beiden Seiten hat man einen fantastischen Blick auf die wunderschön beleuchteten Brücken und Gebäude, wobei das Parlament, das man von der Westseite in seiner ganzen Pracht bewundern kann, jeden Vergleich gewinnen wird. Überhaupt wird Budapest, wie man seit Thomas Mann weiß, vor allem bei Nacht so schön, dass der Vergleich mit Paris nicht mehr nur berechtigt, sondern sogar für Budapest zu gewinnen sein dürfte; die illuminierten Brücken, die angestrahlten Prachtbauten rund um die Donau und das sanfte Licht, das die Großstadt immer ein wenig im Hellen hält, erzeugt eine ganz einzigartige, edle Lichtstimmung.

Day 2: Nationalmuseum, Universitätsviertel, Große Synagoge, Jüdisches Viertel, Kaffeehaus, Szechenyi-Therme

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Zu den besten Museen Budapests gehört, wenn man den meisten Reiseführern und mir glauben will, das Ungarische Nationalmuseum, das man relativ schnell mit der Ringbahn (6, die knallgelbe) erreicht. Das ist in erster Linie ein Geschichtsmuseum, das die Geschichte Ungarns ungefähr von den Dinosauriern bis zu Victor Orbán darzustellen versucht. Das ist natürlich eine ziemliche Mammutaufgabe, und darum ist das Museum auch ziemlich groß und ein vollständiger Besuch dauert entsprechend lang und wird dann auch schnell mühselig. Der durchschnittliche Altphilologe/Historiker mit 1900jähriger Lücke im und um das Mittelalter wird folgerichtig den ganzen Landnahme-Mittelalter-Frühneuzeit-Kladderadatsch, dessen wissenschaftliche Aufarbeitung sowieso in einem gewissen Konflikt mit dem ungarischen Nationalmythos steht, im Schnelldurchlauf an sich vorbeiziehen lassen und sich vor allem für das interessieren, was man überall in der Stadt noch sehen kann: Die goldene Zeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als Budapest sozusagen der Nabel der Welt war. Auch den Ausstellungsteil zum Faschismus, Kommunismus und demokratischer Revolution kann man sich sehr gut ansehen. Ungewöhnlich für ungarische Verhältnisse ist, dass hier der Faschismus unter den Pfeilkreuzlern nicht „unter den Teppich gekehrt“ bzw. gegenüber den kommunistischen Verbrechen kleingeredet, sondern ebenfalls kritisch aufgearbeitet wird. Jedenfalls: Man sollte hier von Anfang an Schwerpunkte setzen, sonst verliert man sich sehr schnell in der unfassbaren Menge an Ausstellungsräumen.

Langweilig geworden vor lauter Historiker-Geschwafel? Jetzt wird es handfester. Nicht weit vom Nationalmuseum liegt das Universitäts“viertel“, das wir allerdings ziemlich uninteressant fanden. Die Universitätskirche, vom Reiseführer wärmstens empfohlen, war leider geschlossen und die nur ungarischen Hinweisschilder (eine so unverständliche wie wiederkehrende Krankheit in dieser ansonsten so freundlichen Touristenmetropole…) halfen uns nicht wirklich weiter. Dafür konnte man hier ziemlich schön essen.

img_1886Ebenfalls in der direkten Nachbarschaft liegt die Große Synagoge, die heute in erster Linie Museum ist. Wie man nun formulieren kann, dass die ziemlich durchkommerzialisiert ist, ohne antisemitische Vorurteile assoziieren zu lassen, weiß ich leider auch nicht; daher machen wir es kurz: Man muss am Eingang ein Ticket kaufen (für Budapester Verhältnisse teuer) und kann dann die Synagoge, den Garten und das Museum besichtigen, wobei nach einem unerfindlichen Mechanismus ab und zu jemand vor einem Durchgang steht und ein Stück vom Ticket abreißt. Mag sein, dass uns das nötige Vorwissen fehlte; jedenfalls haben wir uns im Museum ziemlich schnell ziemlich gelangweilt, denn die Ausstellung ist in erster Linie ein „Grundwortschatz zum Judentum“ ohne viel Text oder konkrete Aufhänger, die für Interesse sorgen könnten. Die Synagoge selbst ist ein erstaunlicher Bau und die anzusehen, macht tatsächlich ziemlich Spaß; denn die sieht reichlich orientalisch (im Reiseführer steht „maurisch“) aus und ist innen hübsch ausgeschmückt. Alles in allem Prädikat „Muss man nicht gesehen haben“. Hinter der Synagoge beginnt das „Jüdische Viertel„, das heute skurrilerweise vor allem eine große Bar-, Pub- und Partyzone ist. Hier kann man tagsüber hübsch spazieren gehen.

img_1910Das Kaffeehaus über dem „Alexandra“, direkt bei der Oper, haben wir an unserem zweiten Tag ausprobiert. Während der Reiseführer droht, die Kuchen seien „nur mittelmäßig“, können wir leider keine Erfahrungswerte zum Besten geben; Kaffee und Tee waren jedenfalls in Ordnung. Der Raum ist allerdings recht klein und entsprechend sollte man etwas Zeit mitbringen, wenn man zur besten Kaffee-und-Kuchen-Zeit hier aufschlägt. Dann entschädigt Optik und Feeling des Ortes aber sofort für die Wartezeit: In so einem edlen Raum habe ich noch nie Ansichtskarten geschrieben.

Den Abend haben wir im Szechenyi-Thermalbad verbracht. Auf besonderen Wunsch meiner reizenden und leicht hypochondrischen Begleitung haben wir uns vorab Desinfektionslösung besorgt, um das Risiko irgendwelcher Hygienekatastrophen gering zu halten. Und wer deutsche Standards deutscher Qualitätsschwimmbäder gewohnt ist, der wird sich hier verwundert (oder erschrocken) die Augen reiben. Dadurch, dass man den gleichen Weg von den Umkleiden ins Bad wie vom Eingang in die Umkleiden nimmt, watet man auf dem barfüßigen Ins-Bad-Weg durch den ganzen Schlamm und Dreck, den die Leute den ganzen Tag lang an ihren Schuhen kleben hatten. Der wird auch nicht zwischendurch mal weggespült oder sowas, sondern der sammelt sich da, bis die Kacke hüfthoch steht. Da fühlt man sich gleich noch viel motivierter, schnell ins Schwimmbad zu kommen. Für jede Form von Zehenzwischenraumparasiten ist das aber zweifellos ein erstklassiges Brutrevier und wer hier (wie ich) keine Badelatschen mitgebracht hat, der sollte dann wenigstens die Alternativlösung (Desinfektionslösung) dabei haben. Das Bad selbst ist schön, aber notorisch überlaufen; in den kleinen Becken macht das Baden mit allzu vielen Gleichgesinnten nur begrenzt Spaß. Glücklicherweise lassen die Bademeister nur eine begrenzte Zahl an Gästen hinein, sodass es nicht unerträglich wird; bei voller Belegung ist es aber trotzdem schon nicht mehr allzu gemütlich. Die zahlreichen Becken im Inneren und das Thermalbecken außen haben aber eindeutig ihren Charme; die Architektur des Bades ist beeindruckend. Nach zwei Stunden hatten wir dann aber auch genug. Und nochmal durch den Matsch waten…

Day 3: Ostufer mit Schuhen, Stephansbasilika, Parlament, Oper

img_1946img_1996Am dritten Tag schlenderte ich in der Herrgottsfrüh (gegen acht Uhr) aus dem Hostel und stellte verwirrt fest, dass der Himmel neuerdings blau war. Tatsächlich schien nach zwei Tagen Dauerwolken die Sonne. Auch meine reizende Begleitung ließ sich davon überzeugen, und so standen wir völlig ungewohnt um neun Uhr morgens am Ostufer der Donau und beschlossen, unseren letzten vollen Tag (der nur noch wenig Programm enthielt) gemütlich zu beginnen. Bei Sonnenschein ist ein Spaziergang an der Donau fast so schön wie bei Nacht. Bei Tag laufen außerdem am Ostufer nicht so viele dubiose Gesellen herum. Dafür haben sie hier ihre Schuhe vergessen… Moment mal? Richtig, direkt südlich neben dem Parlament stehen am Ufer eine Reihe von steinernen Schuhen. Wer die Bilder aus den Konzentrationslagern nicht kennt, sollte spätestens bei der (rein hebräisch gehaltenen) Steintafel darauf kommen, dass es sich hier um ein Holocaust-Denkmal handelt.

img_2055img_2074Läuft man hinter dem Parlament ein wenig nach Zentral-Pest hinein, stößt man auf die enorme Stephansbasilika. Die ist nicht nur schön, groß und ein prima Fotomotiv, sondern man kann sogar die mörderische Reise auf sich nehmen, auf die Kuppel zu steigen, um den wahrscheinlich besten Ausblick über Budapest zu entdecken. Oder man kann auch einfach mit dem Aufzug fahren, aber das ist natürlich nicht so cool. Ist man erstmal oben, hat man bei Sonnenwetter nicht nur traumhafte Sicht, sondern kann auch gleich noch ein wenig Vitamin D tanken. Die Basilika selbst ist gleichfalls beeindruckend; und fast genauso beeindruckend ist es auch, wenn die reizende Begleitung sich plötzlich in ungewohnt katholischer Manier am Dingsbums-Becken am Eingang bekreuzigt. Es gibt eben doch immer wieder Wunder(liches). In Flammen aufgegangen bin ich zum Glück auch nicht.

img_2126img_2116img_2118img_2112Von der Stephansbasilika ist es nicht weit zum Parlament, wie schon gesagt: der wohl schönste Prachtbau Budapests – und zwar von innen und außen. In allen Reiseführern steht, man müsste sich telefonisch anmelden oder morgens um acht Uhr vor dem Kartenverkauf stehen, um hineinzukommen; alles Blödsinn: Die Karten kann man online kaufen, es gibt in den Stoßzeiten viel mehr Führungen, als angekündigt sind, und wer sich ein Onlineticket ausdruckt, wartet kaum 5 Minuten auf seine Führung. Dämlicherweise verlinkt die Homepage des Parlaments selbst auf eine veraltete Seite; aktuell ist dieser Link. Man braucht dafür lediglich eine Kreditkarte und einen Drucker. Die Führung durch das Parlament dauert ca. 50 Minuten, davon steht man die ersten 10 an der Sicherheitsschleuse. Überhaupt ist das mit der Sicherheit im Parlament so eine Sache – aber dieses Kuriosum sieht man sich am besten selbst an, wenn man im Raum der Stephanskrone steht… Die Führung ist recht interessant, und auch wenn der Sitzungssaal belegt ist, wird man eben ins alte Oberhaus geführt: Das Parlament hatte in der alten Verfassung zwei Kammern, die in spiegelsymmetrisch im Gebäude verteilten Kammern tagten, sodass man sich dann eben die exakte Entsprechung des eigentlichen Tagungsraums ansieht. Viel spannender ist aber ohnehin das Treppenhaus und der ganze Kitsch mit dem vielen Gold und Teppich: Ein wirklich beeindruckender Bau, gegen den der Reichstag wie eine arme Kirchenmaus aussieht.

img_2146Am Abend waren wir in der Oper (für Fans: in der „Fledermaus“, allerdings auf Ungarisch). Für 500 Forint, umgerechnet knapp 2€. Klingt verblüffend, fanden wir auch – billiger als eine Führung durch die Oper. Für dieses Geld bekommt man die Plätze im obersten Stockwerk, an den Seiten, wo man tatsächlich, wie der Mann vom Kartenverkauf auch ankündigte, so gut wie nichts von der Bühne sieht. Der Clou an der Sache: Hat die Vorstellung erstmal begonnen, leert sich dieser Bereich recht schnell, weil die Leute eben merken, dass sie nichts sehen, und man kann in bessere Bereiche aufrücken; oder man steht gleich ganz auf und stellt sich ganz oben an die Brüstungen, von wo man einen auf die Dauer zwar unbequemen, aber erstklassigen Blick auf das Bühnengeschehen hat. Und selbst, wenn man von der Show nichts gesehen hätte: Der Bau ist schon für sich absolut beeindruckend, und eine Führung wäre immer noch teurer als diese drittklassigen Karten.

Day 4: Holocaust-Museum

Ja ja ja, jede (Haupt?)Stadt hat ihr Holocaust-Museum. Kennen wir doch in und auswendig – müssen wir uns das nochmal antun? Als wir am letzten Tag nicht mehr unendlich viel Zeit und Lust hatten, haben wir uns also für einen „Klassiker“ entschieden – in Ungarn mit einem guten Grund: Aufgrund der präsenteren kommunistischen Vergangenheit neigt man in diesem Land zu einem eher „rechts“ geprägten politischen Vokabular, während Deutschland wegen seiner präsenteren faschistischen Vergangenheit eher zum „links“ geprägten Vokabular neigt. Daher ist Antisemitismus in Ungarn nach wie vor ein erhebliches Problem und Pfeilkreuzler-Nostalgie haben wir zwar nicht bewusst wahrgenommen, wird aber von regierungsnahen Jugendorganisationen nicht besonders zurückhaltend betrieben. Insofern haben wir es hier mit einem besonderen Ort zu tun, wenn es um das Thema geht.

Das Holocaust-Museum liegt ein wenig südlicher und ist nur für Autos ausgeschildert; darum läuft man, wenn man als Fußgänger unterwegs ist und den Schildern folgt, ziemlich unnötig einmal um den Block, bis man da ist. Das Museum selbst ist ein eleganter Neubau um eine ältere, kleine Synagoge. Die Ausstellung ist, auch das nicht selbstverständlich in den ungarischen Museen, vollständig zweisprachig Ungarisch/Englisch, und arbeitet sich nicht chronologisch, sondern „methodisch“ in den Holocaust hinein: Von den ersten Diskriminierungen und Rassentheorien über juristische Schikanen bis hin zum organisierten Transport und Dachau/Auschwitz wird man sozusagen sanft und schleichend an den Massenmord herangeführt – das hat seine ganz eigene perfide Komponente und wirkte zumindest auf mich wesentlich tiefer als etwa das Holocaust-Museum in Berlin, das den Besucher vom ersten Meter an ununterbrochen mit Bildern aufgetürmter Leichen konfrontiert. Das ganze Museum ist ohne Tageslicht in stark abgedunkelter, düsterer Atmosphäre gehalten und arbeitet sich mit kreativen Mitteln am Thema ab, z.B. mit interaktiven Budapest-Karten, die einem unvermittelt vor Augen führen, wie nah man einigen Ereignissen auf seiner Reise schon war, ohne irgendetwas davon wahrgenommen zu haben (Wo gab es juden-gekennzeichnete Häuser? Wo kam es zu Massendeportationen oder Ermordungen? Wo gab es Pfeilkreuzler-Quartiere?). Zudem war es im gesamten Museum so kalt, dass wir die letzten Räume im Schnelldurchlauf besichtigt haben, weil wir kurz vor dem Schüttelfrost standen.

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